Übers Ohr gehauen

Übers Ohr gehauen

Mondegreens: Wenn sich unser Gehirn verhört

Freddy Mercury brät Steaks, Paul McCartney haut auf die Leberwurst – und wer ist eigentlich Agathe Bauer? Wir erklären, was Mondegreens sind und wie sie entstehen.

Ob im Auto, unter der Dusche oder einfach aus guter Laune singen wir bei Radiohits mit. Unabhängig davon, ob wir dabei jeden Ton treffen, liegen wir beim Text oft kräftig daneben. Da singt Bob Dylan in seinem bekanntesten Anti-Kriegs-Song von befreundeten Ameisen statt von der Antwort, die ganz allein der Wind weiß, The Mamas and the Papas beginnen ihren melancholischen Sommerhit mit „Anneliese Braun“, Roland Kaiser besingt Santa Marias Schnitzelwagen, bei Ich + Ich tobt der Hamster vor dem Fenster und der 80er Jahre Hit „(I just) Died in your arms“ rät uns, wir müssten besoffen bestellen.

„Mondegreens“ nennt man solche Verhörer, die zu eigenen, meist urkomischen Textkreationen führen. Doch keine Angst. Wenn wir bekannte Popsongs mit eigenwilligen Texten unterlegen, sagt das rein gar nichts über unsere Hörfähigkeit aus. Mondegreens sind viel mehr eine Laune unseres Gehirns. Sie entstehen, wenn wir Worte in fremdsprachigen Songtexten nicht richtig verstehen und uns einen eigenen Reim darauf bilden – und das völlig unabhängig davon, ob wir mit oder ohne Hörgeräte gut hören.

 

Mondegreens around the World

 

Egal ob englischer, italienischer, französischer oder spanischer Hit: Unser Gehirn konstruiert statt der Liedzeile, die wir nicht verstehen, etwas muttersprachlich Verwandtes, das uns nicht mehr loslässt. Und nicht nur uns. Viele dieser originellen Liedzeilen werden im Internet gesammelt und sorgen beim Lesen und Hören für Heiterkeit – oder wenn wir das Lied absichtlich falsch mitsingen, wenn wir es das nächste Mal im Radio hören. Denn der Qualität des Hits und vor allem seiner Popularität tun falsch verstandene Songzeilen keinerlei Abbruch – ganz im Gegenteil. Diese Hörmalheure sind so beliebt, dass Radiosender unter Mitwirkung des irrehörenden Publikums, das seine besten Verhörer bereitwillig zu Gehör bringt, damit ganze Programme füllen.

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Von Lady Mondegreen zum weißen Neger Wumbaba

 

Der Begriff Mondegreen beschreibt allerdings genau genommen nur einen unabsichtlichen Verhörer in der eigenen Muttersprache. Geprägt hat diesen Namen die amerikanische Autorin Sylvia Wright, der ein solcher Fauxpas in jungen Jahren unterlaufen ist: Als Kind hatte sie die alte schottische Ballade „The Bonnie Earl o’ Moray“ gehört und folgenden Text verstanden: „They ha’e slain the Earl o’ Moray and Lady Mondegreen.“ („Sie haben den Earl von Moray erschlagen und Lady Mondegreen.“). In ihrer kindlichen und leicht schaurigen Fantasie lagen der schottische Graf und seine Geliebte erschlagen in einem nebligen Moor, weil ihre Liebe nicht sein durfte. Sie war gerührt von dem traurigen Schicksal dieses Liebespaares – bis sie den richtigen und vergleichsweise banalen Text zu lesen bekam, der wie folgt lautet: „They ha’e slain the Earl o’ Moray and laid him on the green.“ („Sie haben den Earl von Moray erschlagen und legten ihn aufs Gras.“).

Berühmte Verhörer von Kindern haben es hierzulande übrigens sogar in eine eigene Buchreihe geschafft: Unter dem Titel „Der weiße Neger Wumbaba“ haben Axel Hacke und Michael Sowa in drei Bänden klassische deutsche Mondegreens gesammelt. In dem bekanntesten und Titel gebenden Beispiel haben Kinderohren ihre ganz eigene Interpretation des „Abendliedes“ von Matthias Claudius fabriziert: Aus “Und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar” wurde „Und aus den Wiesen steiget der weiße Neger Wumbaba“. Weihnachtslieder sind übrigens prädestiniert für kindliche Eigenkreationen. Ein Klassiker, den fast jeder kennt, ist Gottes Sohn namens Owi aus „Stille Nacht, heilige Nacht“ (anstatt „Gottes Sohn, o wie lacht…“). Seitdem Sylvia Wright in der Zeitschrift Harper`s Magazine 1954 über diesen Verhörer berichtete, werden falsch verstandene Lied- oder Gedichtzeilen in der eigenen Sprache als Mondegreen bezeichnet.

Soramimi: Welthits und Ohrwürmer in Eigenkreation

 

Die eingangs genannten Beispiele sind daher genau genommen gar keine Mondegreens, sondern sogenannte Soramimi. Mit diesem japanischen Begriff bezeichnet man falsch verstandene fremdsprachige Songtexte, die durch gleich klingende Worte der eigenen Sprache ersetzt werden. Denn lustige Hörunfälle passieren uns wesentlich häufiger, wenn wir englische Songs im Radio mitsingen als mit deutschen Texten.

Der legendäre Gitarrist Jimi Hendrix reagierte übrigens auf einen Verhörer in seinem Song „Purple haze“ folgendermaßen: Statt „`scuse me while I kiss the sky“ (entschuldigt mich, während ich den Himmel küsse) verstanden und sangen weite Teile seines Publikums „`scuse me while I kiss this guy“ (entschuldigt mich, während in diesen Typ küsse). Hendrix baute diesen Mondegreen in seine Show mit ein und küsste an dieser Stelle einen jungen Mann auf der Bühne.

Solche komischen Verhörer entstehen, weil unser Gehirn darauf programmiert ist, etwas zu verstehen. Also ersetzt es einfach die fremdsprachigen Worte, die wir nicht verstehen, durch eine deutsche Zeile, so irrwitzig sie im Gesamtzusammenhang auch klingen mag. Oft gehen wir jahrelang mit einer völlig falschen Version eines Liedes durchs Leben. Häufig klären sich diese Missverständnisse nur durch Zufall auf, wenn wir die richtige Version lesen oder uns jemand auf das Kauderwelsch anspricht, den wir vor uns hinschmettern. Das Verheerende daran ist: Hat man sie einmal gehört (oder gelesen), bekommt man diese lustigen Songzeilen nicht mehr aus dem Kopf. Oder versuchen Sie einmal, wenn Sie das nächste Mal Neks „Laura non c’è“ hören, „mi manca da spezzare“ und nicht „Niemand kann das bezahlen“ zu singen.

Die bekanntesten Mondegreens in englischsprachigen Songs

  • „The ants are my friends“ anstelle von „The answer, my friend“ in „Blowin` in the wind“ von Bob Dylan
  • „Anneliese Braun“ statt „All the leaves are brown“ in „California Dreamin`“ von The Mamas and the Papas
  • „Du musst besoffen bestell`n“ („It must`ve been something you said“) in „(I just) Died in your arms“ von Cutting Crew
  • Chris Norman singt in „Midnight Lady“: „Oma fiel ins Klo“ („All my feelings grow“)
  • Die gregorianischen Gesänge, mit denen Enigmas „Sadeness“ beginnt, klingen in den Ohren vieler wie: „Oh Anneliese, popel nicht!“
  • „Hau auf die Leberwurst“ (statt „Hope of deliverance“) von Paul McCartney
  • „Agathe Bauer“ statt „I’ve got the power“ von Snap!
  • „I made me steaks“ anstatt „I made mistakes“ zu Beginn der Queen-Hymne „We are the champions

Sie haben den Eindruck, Sie verstehen nicht nur einige wenige Worte in Radiohits nicht mehr richtig, sondern stellen Radio und Fernseher lauter, um überhaupt etwas zu hören, und müssen immer häufiger in Gesprächen nachfragen, was ihr Gegenüber gesagt hat? Dann machen Sie am besten direkt hier einen Hörtest – und vereinbaren Sie einen Termin bei einem Hörakustiker in Ihrer Nähe, um Ihr Gehör professionell testen zu lassen.

 

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