Tinnitus: Arten, Ursachen, Folgen & Behandlung

Tinnitus bezeichnet die Wahrnehmung von Geräuschen, die nicht von akustischen Signalen der Umwelt verursacht werden. Fast jeder hatte schon mal ein Pfeifen oder Rauschen im Ohr, das keiner äußerlichen Klangquelle entstammt. Studien gehen von bis zu 10 Millionen Menschen in Deutschland aus, die jährlich an einem Tinnitus leiden. Nicht immer ist ein Tinnitus ein dauerhafter Zustand. Oft verschwinden die störenden Ohrgeräusche so plötzlich wieder, wie sie aufgetaucht sind. Hält das lästige Geräusch jedoch an, leidet der Betroffene unter einem chronischen Tinnitus. Internationalen Studien zufolge leiden etwa 6 Prozent der Weltbevölkerung an einer schweren Form des chronischen Tinnitus.

Welche Arten von Tinnitus gibt es?

Akuter und chronischer Tinnitus

Fast jeder hat es schon einmal erlebt, dass die Ohren rauschen. Aber bei den meisten verschwindet dieser Zustand ebenso plötzlich wieder, wie er eingetreten ist. Bei manchen hält das unangenehme Ohrgeräusch Wochen oder Monate an. Bei einer Dauer von bis zu drei Monaten sprechen Mediziner von einem akuten Tinnitus. Nehmen die Betroffenen das Ohrensausen länger als drei Monate dauerhaft wahr, gilt er als chronisch.

Tinnitus Arten in Tinnitus-Übersicht

Kompensierter und dekompensierter Tinnitus

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Art und Weise, wie der Tinnitus empfunden wird: Nehmen die Betroffenen die Geräusche ohne Beeinträchtigung hin, spricht man von einem kompensierten Tinnitus. Empfinden die Betroffenen ihn allerdings als Krankheit, die die Lebensqualität einschränkt, ist dies ein dekompensierter Tinnitus. Dieser geht meist mit weiteren Symptomen wie Unruhe, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche und Angstzuständen einher.

Subjektiver und objektiver Tinnitus

HNO-Ärzte unterscheiden einen Tinnitus außerdem danach, ob den Ohrgeräuschen eine messbare Schallquelle im Körperinneren zugrunde liegt oder nicht. Der objektive Tinnitus entsteht durch eine solch messbare Schallquelle in der Nähe des Innenohres. Das können zum Beispiel Geräusche sein, die von Blutgefäßen, Muskeln oder Atembewegungen ausgelöst werden. Dagegen hat der subjektive Tinnitus keine nachweisbare Schallquelle; er wird nur von den betroffenen Personen selbst gehört. Etwa durch eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Hörzentrum oder anderen Bereichen des Gehirns. Diese Form ist wesentlich häufiger.

Woran erkennt man einen Tinnitus?

Die Symptome eines Tinnitus erkennt man klassischerweise daran, dass die Betroffenen häufig über unangenehme Ohrgeräusche oder Ohrensausen klagen. Das Geräusch, das Tinnitus-Patienten hören, kann allerdings ganz unterschiedlich sein: Manche hören ein konstantes Rauschen oder Piepen, andere eher ein rhythmisches Summen, Brummen, Klingeln, Pfeifen, Hämmern, Zischen, Knarren, Klopfen oder Ohrensausen.

Ein einmaliges kurzes Pfeifen oder Rauschen ist meist noch kein Grund zur Besorgnis. Häufig verschwindet ein Ohrgeräusch so plötzlich wieder, wie es aufgetreten ist. Hält es jedoch über einen Zeitraum von mehreren Tagen an, sollten die Betroffenen einen Termin bei einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt vereinbaren und untersuchen lassen, ob es sich um einen Tinnitus handelt oder ob das störende Geräusch eine andere Ursache hat. Teilweise gehen die Ohrgeräusche mit weiteren Symptomen wie Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlaf- und Konzentrationsproblemen einher. In den meisten Fällen ist Hörverlust auch ein Symptom, das im Zusammenhang mit Tinnitus auftritt.

Der HNO-Arzt untersucht den Patienten, nachdem er ihm einige gezielte Fragen zu seinen Beschwerden gestellt hat, mit einem Otoskop, um Verletzungen oder Schäden im Ohr zu finden. Anschließend macht der Arzt einen Hörtest, um zu einer Diagnose zu kommen.

Was sind Auslöser für einen Tinnitus?

Aus medizinischer Sicht ist der Tinnitus keine Krankheit, sondern ein Symptom. Daher ist es schwierig, eine eindeutige, allgemeine Ursache dafür zu ermitteln. Die Gründe, warum jemand an ihm leidet, können ganz unterschiedlich sein. Oft ist ein anhaltendes Ohrgeräusch Anzeichen einer Erkrankung, die durch zu hohe Lärmeinwirkung  eintritt. Dies kann zum Beispiel berufsbedingt sein, etwa bei Straßen- und Bauarbeitern oder Maschinisten, die keinen oder nur unzureichenden Gehörschutz getragen haben. Aufgrund der inzwischen strengen Arbeitsschutzvorschriften tritt dieser Fall immer seltener auf.

Häufiger liegt die Lärmbelastung an Freizeit-Aktivitäten wie das Hören von zu lauter Musik – etwa in Konzerten oder Discotheken –, das Betätigen von Kettensägen oder bei Sportschützen das Abfeuern von Gewehren und Pistolen. Selbst ein einzelnes Ereignis wie ein Silvester-Böller oder ein platzender Luftballon am Ohr kann Tinnitus auslösen.

Ebenfalls recht häufig werden die Symptome durch Probleme bei der Schallweiterleitung ausgelöst, wie z.B. beim akuten Tubenkatarrh (Serotympanon). Hier nimmt der Betroffene häufig ein Rauschen wahr, das auch pulsierend sein kann. Schädigungen des Innenohres können ebenfalls einen Tinnitus auslösen. Ursachen hierfür können Verletzungen sein, die durch einen Schlag gegen den Kopf oder durch einen Sturz, mit Aufprall auf das Ohr, ihre Ursache haben. Aber auch bestimmte Krankheiten können zu Tinnitus führen, wie der sogenannte Drehschwindel (Morbus Menière). Doch selbst Ursachen, die nicht direkt mit dem Ohr in Zusammenhang stehen, können für ein Ohrgeräusch verantwortlich sein, wie zum Beispiel Beschwerden an der Halswirbelsäule oder im Zahn- Kiefer- Trakt.

Weitere Ursachen können sein:

  • Vererbte, erworbene oder altersbedingte Schwerhörigkeit
  • Ohrenschmalzpfropfen
  • Entzündungen, zum Beispiel im Mittel- und Innenohr oder in den Nasennebenhöhlen
  • Infekte wie Schnupfen
  • Schalltrauma, Knalltrauma
  • Hörsturz
  • Verletzungen des Trommelfells
  • Verknöcherung im Übergang zwischen Steigbügel und Innenohr
  • Tubenfunktionsstörungen
  • Ein Loch im Innenohr (Perilymphatische Fistel)
  • Fremdkörper oder Tumor im Ohr
  • Druckunterschiede beim Tauchen oder Fliegen

Manche Medikamente lösen als mögliche Nebenwirkung ebenfalls die Symptome eines Tinnitus aus. Zudem gelten Herz-Kreislauf-, Nerven- und Stoffwechselerkrankungen, Hormonstörungen, Schädel-Hirn-Traumen, Narkosen und Alkoholmissbrauch als Risikofaktoren.

Neben organischen können aber auch psychische Faktoren wie Stress oder emotionale Probleme Auslöser sein. Diese beeinflussen vor allem, wie jemand die Dauertöne empfindet und mit ihnen umgeht. Zum Beispiel kann eine Depression, Angst, ein einschneidendes Lebensereignis oder eine schwere Schlafstörung den Tinnitus dekompensieren. Das bedeutet: Dem Patienten fallen die bereits bestehenden, aber bislang ignorierten Ohrgeräusche stärker auf. Dadurch werden die Geräusche mit gewissen Assoziationen wie Angst, Kontrollverlust und Hilflosigkeit eng verknüpft. So können später die Assoziationen selbst den Tinnitus verstärken, ähnlich wie bei einem konditionierten Reflex.

Die Ursachen von Ohrgeräuschen sind vielfältig und organisch wie psychisch.

Wie entstehen Ohrgeräusche?

Lange ist die Medizin davon ausgegangen, dass der Tinnitus im Innenohr entsteht. Mittlerweile weiß man aber unter anderem durch Untersuchungen mithilfe bildgebender Verfahren, dass die Ursache anhaltender Ohrgeräusche das Hörzentrum im Gehirn ist. Einfach ausgedrückt geben die Nervenzellen hier permanent Impulse ab, ohne dass es eine Schallquelle gibt. Dies kann zum Beispiel daran liegen, dass Nervenzellen in bestimmten Gehirnbereichen überaktiv reagieren, um eine Hörminderung auszugleichen. Wie bei der Wahrnehmung eines Phantomschmerzes entsteht im Gehirn eine abnormale neuronale Aktivität, obwohl kein Reiz als Auslöser vorliegt. Daher wird der Tinnitus zwar meist durch eine Hörschädigung ausgelöst. Die Ursache, die zur Wahrnehmung von dauerhaften Ohrgeräuschen führt, ist jedoch im Gehirn verortet.

Folgen anhaltender Ohrgeräusche

Tinnitus Folgen

Die Belastung durch ein permanentes Ohrgeräusch führt sehr häufig zu weiteren Begleiterscheinungen wie Schlafproblemen, Kopfschmerzen, Nackenverspannungen und Konzentrationsproblemen bis hin zu Ängsten und Depressionen.

Da die Umgebung das Problem nicht mitbekommt, haben Betroffene oft das Gefühl, alleine gelassen zu werden. Sie fühlen sich müde, können sich nicht konzentrieren und haben Angst, dass die Symptome ständig schlimmer werden. Dies kann das soziale Leben beeinträchtigen. Familienmitglieder und Freunde, aber auch Arbeit und Hobbys leiden darunter.

Durch diese Kombination aus körperlichen und psychischen Symptomen ziehen sich Tinnitus-Patienten oft zurück. Sie empfinden Gespräche mit anderen durch das Ohrgeräusch als anstrengender und reagieren gereizt, ohne es zu wollen. Sozialer Rückzug ist allerdings genau das Gegenteil dessen, was ihnen hilft: Die Betroffenen brauchen Unterstützung in ihrem Umfeld und soziale Kontakte, die sie in dieser schwierigen Situation stabilisieren. Ratsam ist in jedem Fall eine entsprechende Behandlung  durch einen HNO-Arzt.

Behandlung

Behandlung eines akuten Tinnitus

Zur Behandlung eines akuten Tinnitus ohne konkrete Ursache setzen Ärzte oft das Kortisonpräparat Prednisolon als Tabletten oder Infusion ein, das einem körpereigenem Hormon nachempfunden ist. Es dient dazu, den Zellstoffwechsel in den Hörzellen und die Leitfähigkeit der Hörbahnen zu verbessern. Ist eine Mittelohrentzündung wahrscheinlich Auslöser des Tinnitus, kommen hingegen meist Antibiotika zum Einsatz.

Tinnitus, ausgelöst durch ein Knalltrauma  oder sehr lautes akustisches Ereignis, wie z.B. ein Rock-Konzert, muss sofort behandelt werden. In aller Regel behandelt der HNO- Arzt ihn mit einer Infusions-Therapie, wenn er den Schaden im Innenohr lokalisiert. Liegt dieser im Mittelohr ist ggf. ein operativer Eingriff nötig, wie z.B. das Ersetzen eines geplatzten Trommelfells. In beiden Fällen leidet der Betroffene nicht nur unter dem ständigen Pfeifen oder Rauschen im Ohr, auch das Hörvermögen ist reduziert. Beides kann mit der jeweils richtigen Behandlung behoben werden; im Falle einer Innenohrschädigung zählt jeder Tag. Je früher man einen Facharzt aufsucht, umso größer sind die Heilungschancen.

Behandlung eines chronischen Tinnitus

Entwickelt sich der Tinnitus chronisch, wird er mittels Hörgerät und gezielten Therapien behandelt. Obgleich man bei der Behandlung von Ohrgeräuschen zunächst nicht an ein Hörgerät denkt, gibt es spezielle Hörhilfen, die genau dafür entwickelt wurden. Denn die Patienten sind meist auch schwerhörig. Genügt ein Hörgerät alleine nicht, damit die Betroffenen ihre Umgebung wieder akustisch wahrnehmen können, kann die Hörhilfe zusätzlich mit einem sogenannten Tinnitus Noiser kombiniert werden. Einige Hörgeräte integrieren diese Funktion direkt. Tinnitus Noiser überdecken oder ersetzen die störenden Geräusche durch positive Gegenklänge, etwa Musik oder Meeresrauschen, die der Träger selbst auswählen kann. Das Noiser-Geräusch ist allerdings leiser als der Tinnitus, sodass das Gehirn nach und nach lernt, sich nicht mehr darauf zu fixieren, sondern seine Umgebung wieder wahrzunehmen.

Behandlung eines objektiven Tinnitus

Ein objektiver Tinnitus kann meist durch die Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung verbessert oder entfernt werden. Gefäßstörungen oder Gefäßverengungen lassen sich in der Regel operativ beseitigen, Muskelzuckungen mit Medikamenten oder der Durchtrennung des betroffenen Muskels unterdrücken. Zur Korrektur von Blockaden in der Halswirbelsäule oder des Kiefers reichen meist therapeutische Übungen oder Massagen. Anschließend besteht eine hohe Chance, dass er verschwindet.

Ergänzende Behandlung

Unabhängig von der Art des Tinnitus und der Erkrankungsphase sollten Entspannungstechniken genutzt werden. Dies verringert die Konzentration auf die Geräusche. Zu möglichen Techniken gehören autogenes Training, Biofeedback oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Ebenfalls entspannend wirkt eine Musiktherapie. Hier erzeugen Lieblingslieder positive Erinnerungen. Anschließend sollen Variationen dieser Melodien helfen, das Gehör mit bewusstem Hören von Klängen zu schulen. Bei vielen Tinnitus-Patienten wird das Ohrgeräusch dadurch leiser und als weniger lästig empfunden.

So können sich Patienten selbst helfen

Eine erfolgreiche Behandlung setzt aber immer die Mitwirkung des Betroffenen voraus. Er sollte insbesondere alle Faktoren vermeiden, die das Gehör belasten oder gar schädigen können. Dazu gehört vor allem Lärm  – etwa laute Musik über Kopfhörer, Maschinen wie Kettensägen oder lärmende Staubsauger sowie offene Fenster an einer belebten Hauptstraße.

Betroffene können aber auch prüfen, ob private oder berufliche Konfliktsituationen bestehen und diese versuchen, zu bewältigen oder gelassener zu nehmen. Stress jeglicher Form sollte möglichst vermieden werden. Lässt sich das Problem nicht selbst lösen, helfen eventuell eine psycho- oder verhaltenstherapeutische Unterstützung sowie Selbsthilfegruppen.

Ergänzend können Aktivitäten helfen, die dem Betroffenen „gut tun“, zum Beispiel leichter Ausdauersport oder ruhige Hobbys. Vor allem beim Einschlafen kann leise Musik von den Tinnitus-Geräuschen ablenken. Auch eine ausgewogene Ernährung sowie weitgehender Verzicht auf Alkohol und Tabak unterstützen die Behandlung.

Zudem können in bestimmten Fällen Hörgeräte die Behandlung durch ein verbessertes Hörvermögen unterstützen. Dies ist mit einem HNO-Arzt oder Hörakustiker abzuklären.

Tipps zur Tinnitus-Vorsorge

Da ein Tinnitus viele verschiedene Auslöser hat, kann man keine spezifischen vorsorgende Maßnahmen ergreifen. Dennoch ist ein auftretendes Ohrgeräusch ein Warnsignal des Körpers, dem es zu begegnen gilt. Die beste Prävention ist ein gesunder und ausgeglichener Lebensstil ohne Stress sowie konsequenter Gehörschutz:

  • Ohrstöpsel bei Konzert- und Clubbesuchen
  • Hörschutz bei arbeitsbedingtem Lärm
  • Bewusste Pausen vom Alltagslärm
  • Verzicht auf übermäßig laute Musik über Kopfhörer
  • Ausweichen von anhaltendem Stress im Alltag
  • Ausgewogene Ernährung
  • Verzicht auf Alkohol und Tabak

Generell sollte bei anhaltenden Ohrgeräuschen, insbesondere wenn sie mit weiteren Symptomen einhergehen, immer ein HNO-Arzt aufgesucht werden.

 

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