Neues aus der Hörakustik: Wie wir zukünftig noch besser hören

Neues aus der Hörakustik: Wie wir zukünftig noch besser hören

Was leistet Künstliche Intelligenz (KI) in Hörsystemen? Von smarten Gesundheitstrackern, Prävention und Multi-Audio-Streams

Die Zukunft des Hörens mit KI im Ohr, konnektiven Hörsystemen und Ferneinstellung von Hörgeräten hat längst begonnen. Auf dem Digitalen EUHA-Kongress informieren Experten über Innovationen, Trends und Herausforderungen in der Hörtechnologie. 

Auf einen Blick

  • Aktuelle Herausforderungen für Hörgeschädigte durch Covid-19
  • Zukunft des Hörens auf dem EUHA-Kongress
  • Künstliche Intelligenz im Ohr
  • Remote Support für Hörsysteme
  • Multi-Audio-Streaming dank Bluetooth LE Audio

Wie beeinflusst die weltweite Corona-Pandemie Schwerhörige? Was leisten Hörsysteme für die Zukunft des Hörens? Warum ist es smart, auf seine Ohren zu achten?

Antworten auf diese Fragen lieferten vier Experten am Digital Future Friday, der Auftaktveranstaltung zum diesjährigen Digitalen EUHA Kongress.

Digitaler EUHA Kongress

In diesem Jahr veranstaltet der Bundesverband der Hörsysteme-Industrie (BVHI) gemeinsam mit der Europäischen Union der Hörakustiker e.V. erstmals den Digitalen EUHA-Kongress vom 9. Oktober bis 8. November 2020. Das virtuelle Format bietet ein breites Spektrum an aktuellem Fachwissen, Produktneuheiten und interaktiven Vernetzungsmöglichkeiten und sichert so den Wissensaustausch auch in Zeiten der Corona-Pandemie. Zum Kongressauftakt am 9. Oktober, dem Digital Future Friday, blickten Experten auf die Zukunft des Hörens und aktuelle Weiterentwicklungen. Der Internationale Hörakustiker-Kongress und die Industrieausstellung ist das weltweit größte Event der Hörakustik und Hörsysteme Branche. In 2021 soll die Veranstaltung wieder im September in Hannover vor Ort stattfinden.

Digitaler EUHA Kongress 2020

Covid-19 – für Schwerhörige eine besondere Herausforderung

Die Corona-Pandemie fordert unsere Gesellschaft und Wirtschaft weltweit extrem – und erschwert auch Schwerhörigen den Alltag. Masken, größere Abstände zwischen Gesprächspartnern und Online-Kommunikation in Meetings sind für sie eine große Herausforderung.

Auch von der Einsamkeit während der Lookdown-Beschränkungen sind einer von fünf Schwerhörigen besonders betroffen, denn für viele Schwerhörige ist es schwierig, nur digital oder über das Telefon zu kommunizieren. Die Folgen dieser Einsamkeit können Depressionen und Demenz sein. Auch das Risiko von Diabetes, Schlaganfall, Herzerkrankungen und Krebs steigt bei einsamen Personen.

Außerdem erschweren Corona-Beschränkungen und das Ansteckungsrisiko den persönlichen Kontakt zu HNO-Ärzten und Hörakustikern.

Die gute Nachricht: Moderne Hörsysteme sind für Menschen mit einer Schwerhörigkeit eine große Hilfe. Denn Hörsysteme werden technisch immer ausgereifter und erleichtern so, als smarte Alltagsassistenten, die Kommunikation, beispielsweise bei Online-Konferenzen oder Smartphone-Telefonaten. Und wer optimal mit Hörsystemen versorgt ist, beugt Vereinsamung vor und kann digital oder im persönlichen Austausch wieder an Gesprächen und der für Menschen lebenswichtigen Interaktion mit anderen teilhaben.

Die Zukunft des Hörens bietet noch viel technisches Potenzial durch die Verbindung von Hörsystemen mit den leistungsstärkeren Smartphones. Schon heute kann so die Tonqualität verbessert werden, beispielsweise indem Hintergrundgeräusche unterdrückt werden.

Künstliche Intelligenz im Ohr

Für perfektes Hören wird immer öfter Künstliche Intelligenz und Machine Learning in Hörsystemen eingesetzt. Dann berechnet beispielsweise ein intelligenter Chip im Hörgerät mittels Algorithmen die Akustik eines Raums und passt den Klang entsprechend an. Die Hörsysteme „lernen“ indem sie sich diese Rechenmuster merken und immer weiter verbessern.

Doch die Möglichkeiten der patientenzentrierten Hörvorsorge gehen noch weiter: Mit integrierten Sensoren und KI können Hörsysteme zusätzliche Aufgaben erfüllen. Es ist beispielsweise möglich, mit den Hörgeräten zuverlässig Gesundheitsdaten zu erfassen. Ähnlich wie bei einem Fitnesstracker werden Informationen über mentale und körperliche Aktivitäten aufgezeichnet. Darüber hinaus erlauben integrierte 3D-Sensoren in Hörsystemen die Nachbildung des menschlichen Vestibularapparates, der den Gleichgewichtssinn und die räumliche Orientierung unterstützt. Hörsysteme werden so zu Sturzdetektoren: wenn der Träger des Hörsystems stürzt, sendet das Geräte einen Sturzalarm an ausgewählte Kontakte senden. Ältere Schwerhörige erhalten so ein Stück mehr Unabhängigkeit und Sicherheit. Ein wichtiger Faktor, denn schon bei Menschen mit leichtem Hörverlust ist die Sturzgefahr dreimal so hoch.

In Zukunft werden Hörsysteme noch stärker zu Multifunktionsgeräten, die weit über optimales Hören hinaus zu mehr Gesundheit und physischer Aktivität beitragen.

Remote Fitting – Feineinstellung des Hörgeräts per App

Eine Remote Support für Hörsysteme erleichtert die richtige Einstellung der Hörgeräte und hilft bei drängenden Fragen. Über spezielle Apps können sich Hörakustiker mit ihren Kunden per Smartphone oder PC verbinden und die Einstellungen der Hörgeräte anpassen. Nicht nur in Zeiten der Pandemie, auch für Patienten, die einen weiten Anfahrtsweg haben oder beruflich sehr eingebunden sind, ist diese Fernwartung eine gute Alternative und ein zusätzlicher Service.

Entscheidend sind hierbei die qualifizierte Beratung und Anpassung durch Experten. Darüber hinaus garantieren Hörakustiker und Hersteller die Versorgung während der Coronakrise. Umfassende Hygienekonzepte stellen sicher, dass Patienten ihren Hörakustiker aufsuchen können, einen Termin aufzuschieben ist daher weder sinnvoll noch notwendig.

„Wenn Du ‚smart‘ bleiben willst, achte auf Deine Ohren!“

So lautete der Beitrag von Prof. Dr. Marlies Knipper vom Universitätsklinikum Tübingen. Am Digital Future Friday zeigte sie auf, wie wichtig gutes Hören für unsere Seele und unsere geistige Entwicklung ist. Denn kein anderer Sinn beeinflusst unsere kognitiven Fähigkeiten so stark. Ihre Forschung beschäftigt sich mit den Ursachen und Zusammenhängen von Hörstörungen und kognitiver Hirnleistung sowie zukünftigen diagnostischen Verfahren.

Eines der aktuellen Ergebnisse, die zunächst in Tierversuchen und dann bei Menschen bestätigt wurden: Wird das Gehirn mit besonderen Höreindrücken angeregt, nimmt die Hirnleistung zu. Das Gehirn bleibt anschließend für längere Zeit stimuliert und damit fitter.

Damit diese Höreindrücke überhaupt möglich sind, müssen die Haarsinneszellen in der Gehörschnecke, medizinisch Cochlea, die Schallinformationen aufnehmen und dann in elektrische Nervenaktivität zur Weiterleitung an unser Gehirn umwandeln. In den meisten Fällen von Schwerhörigkeit oder Taubheit sind die Hörnerven intakt, aber die Haarzellen beschädigt. Ein Cochlea-Implantat umgeht diese defekten Haarzellen und stimuliert den Hörnerv direkt.

Regelmäßig Hörtest machen

Wer geistig fit sein will, sollte deshalb seine Hörfähigkeit in einem Hörtest überprüfen lassen und, wenn nötig, Hörgeräte oder Cochlea-Implantate (CI) nutzen. Ein neuer Trend ist auch die bimodale Versorgung mit einem CI und einem Hörgerät. Zukünftig will man den Einfluss der Hörsinneszellen auf Tinnitus und Schwerhörigkeit noch besser erforschen. Die Zukunft des Hörens ermöglicht dann wohl eine noch frühzeitigere Versorgung der Patienten mit optimalen Hörsystemen.

Bluetooth-Weiterentwicklungen bieten mehr Lebensqualität

Technische Entwicklungen, wie der kommende Bluetooth-Standard Audio LE, machen Hörsysteme fit für Multi-Audio-Streaming. Wie beispielsweise mit einem Headset können die Träger von Hörgeräten dann über eine standardisierte Methode an privaten oder öffentlichen Audiostreams teilnehmen. Ob im Kino, in der Kirche, bei Vorträgen oder TV-Übertragungen: Mit dem Hörgerät ist man über Bluetooth drahtlos mit hoher Tonqualität verbunden – ohne nach außen dringende Störeffekte und zu geringen Kosten. Auch die Auswahl verschiedener Sprachen ist in vielen Fällen möglich.

Ebenso lassen sich Informationen im öffentlichen Verkehr, etwa bei Durchsagen zu Gleiswechseln oder Verspätungen, Abfluginformationen und U-Bahndurchsagen zukünftig direkt an das das Hörgerät übermitteln. Bluetooth Audio LE benötigt dazu nur eine geringerer Datenrate. Gleichzeitig verlängert sich die Akku-Laufzeit aufgrund eines reduzierten Energiebedarfs. Die Beispiele belegen, wie diese standardisierte Unterstützung die Lebensqualität von Schwerhörigen erhöht und die Zukunft des Hörens gestaltet.

Vorteile des zukünftigen Bluetooth LE Audio auf einen Blick:

  • Standardisierung
  • Audio-Sharing für gemeinsames Hören
  • Multi-Stream-Audio
  • Broadcast-Funktion für Audio-Übertragung an öffentlichen Orten
  • Längere Akku- beziehungsweise Batterie-Laufzeit
  • Höhere Audioqualität
  • Keine nach außen dringenden Störgeräusche, binaturales Hören
  • Stabile Anbindung ohne Interferenzen oder Signalinstabilitäten

Immer mehr Studien bestätigen die Korrelation von Schwerhörigkeit und Demenz. Wer Hörsysteme nutzt, kann sein Demenzrisiko signifikant senken.

 

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