„Die Gesellschaft muss Schwerhörige mehr anerkennen“

„Die Gesellschaft muss Schwerhörige mehr anerkennen“

Anke Lüneburg – Trotz Hörminderung beruflich sehr erfolgreich

Anke Lüneburg ist seit sieben Jahren schwerhörig. Das tat ihrer beruflichen Karriere jedoch keinen Abbruch. Sie machte eine Coaching-Ausbildung und berät seitdem andere Menschen bei beruflichen Entscheidungen. Außerdem ist sie als Dozentin, Moderatorin, Mediatorin und Autorin erfolgreich.

Auf einen Blick

  • Anke Lüneburg – was Sie beruflich anpackt wird ein Erfolg
  • Veränderung des beruflichen Alltags und Neuorientierung
  • Buchtipp: Erfolgreich sein als Führungskraft in der Arbeitswelt 4.0

Die Vita von Anke Lüneburg ist beeindruckend: Marketing- und Personalleiterin, Unternehmensgründerin und Geschäftsführerin, Projektleiterin und seit 2015 Karriere-Coachin, Beraterin und Mediatorin. Darüber hinaus ist sie freiberufliche Online-Lehrbeauftragte für Führungs- und Managementthemen an der FH Westküste in Heide. Dass sie seit einigen Jahren unter einer Hörminderung leidet, hat zwar ihren beruflichen Alltag verändert, weniger erfolgreich ist die 53-Jährige aber seither nicht. Trotzdem sollten wir alle Schwerhörige mehr anerkennen, sagt sie.

Frau Lüneburg, Sie haben seit etwa sieben Jahren eine Hörminderung. Wie sind Sie auf Ihre Schwerhörigkeit aufmerksam geworden?

Meiner Familie und auch Freunden ist aufgefallen, dass sie mich wiederholt ansprechen mussten. Irgendwann ist das auch im Beruf störend geworden. Ich war damals noch Geschäftsführerin bei einem Unternehmen, das ich selbst aufgebaut habe. Mein Arbeitstag umfasste viele Abendveranstaltungen, so dass er nicht selten von morgens 8.00 Uhr bis abends 22.00 Uhr ging. Aufgrund der Schwerhörigkeit war ich dann oft ziemlich müde, denn eine unbehandelte Hörschwäche zehrt einfach viel mehr Energie auf.

Wann sind Sie zum HNO-Arzt gegangen?

Ziemlich schnell sogar. Bei meinem ersten Besuch sagte der HNO-Arzt jedoch, dass ich an der Grenze sei und mit Hörgeräten noch etwas warten sollte. Ein Jahr später bin ich zu einer anderen HNO-Ärztin gegangen, sie hat mir sofort empfohlen, künftig Hörsysteme zu tragen. Sie hat mir auch die Zusammenhänge zwischen dem Gehör und dem Gehirn erklärt und warum es so wichtig ist, möglichst frühzeitig ein Hörgerät zu tragen – und das regelmäßig. Denn das Gehirn braucht eine stetige Stimulation, es muss arbeiten, damit seine Leistungsfähigkeit erhalten bleibt. Wenn man schlecht hört, fehlen die Impulse.

Zudem ziehen sich viele Menschen, die eine Schwerhörigkeit haben, aus ihrem Sozialleben zurück. Sie sind viel allein und ihr Gehirn bekommt noch weniger Anregungen, letztendlich werden die Denkprozesse davon langsamer. Diese Zusammenhänge waren mir zuvor nicht klar und ich beobachte immer wieder, dass viele Betroffene das nicht wissen.

Und wie ging es dann weiter?

Ich habe vor sechs Jahren Hörgeräte bekommen. Damit konnte ich wieder besser hören. Dennoch habe ich festgestellt, dass das Hören mit Hörsystemen durchaus anders ist. Sie sind eine tolle Unterstützung, aber kein 100-prozentiger Ersatz für ein gutes Gehör.

Zu diesem Zeitpunkt war ich zudem ziemlich erschöpft und ich habe eine Auszeit genommen. Schweren Herzens musste ich feststellen, dass ich meinen Job als Geschäftsführerin in der Form nicht mehr machen konnte. Eine Mehr-als-100-Prozent-Stelle ging einfach nicht mehr. Ich habe mich beruflich neu orientiert, eine Coaching-Ausbildung gemacht und wurde selbstständige Karriere-Coaching.

Wie hat sich Ihr beruflicher Alltag verändert?

Ich musste feststellen, dass Zuhören sehr viel Energie kostet und ich kleine Pausen brauche. Ich habe jetzt eine halbe Stelle bei der Wirtschaftsförderung Schleswig-Holstein und berate touristische Betriebe und Kommunen zum Thema „Tourismus für alle – Barrierefreiheit“. Derzeit findet diese Beratung hauptsächlich via Zoom Onlinekonferenzen statt.

Vor Corona war ich an zwei Tagen in der Woche unterwegs und habe Workshops für Führungskräfte und Mitarbeiter gegeben und auch Besichtigungen direkt vor Ort gehabt.

Nachmittags mache ich meine systemischen Karriere-Coachings und seit kurzem bin ich auch als Mediatorin tätig. Ich habe ein eigenes Büro mit zwei Räumen. Diese habe ich schallgedämmt, mit offenen Regalen ausgestattet und auch durch Bilder mit Schallschutz versehen, so dass in meinem Büro eine gute Akustik herrscht.

Bei den Coachings sind wir in der Regel nur zu zweit, bei der Mediation maximal drei bis vier Personen. Meine Moderationen finden derzeit nur online statt, vor Corona waren das Workshops, meist in einer Runde von bis zu zwölf Führungskräften.

Hinzu kommt meine Tätigkeit als Dozentin. Ich betreue abends einen Online-Master-Studiengang für Berufstätige. Bei all diesen Tätigkeiten beeinträchtigt mich meine Schwerhörigkeit nicht. Meine Arbeitstage sind immer noch gut gefüllt, allerdings selbstbestimmter und mit mehr Pausenmöglichkeiten als früher. Auch ich selbst musste meine Schwerhörigkeit anerkennen und mich mit ihr einrichten.

Erfolgreich sein als Führungskraft in der Arbeitswelt 4.0 – ein Buch von Anke Lünenburg

In der Arbeitswelt 4.0 werden andere Führungskompetenzen gebraucht als bisher: Organisationen werden umstrukturiert, Führungskräfte übernehmen neue Rollen, Mitarbeiter wollen anders geführt werden. Um als Führungskraft zukünftig erfolgreich zu sein, müssen Entscheider ihre Stärken, Potenziale und Werte kennen und nutzen. Erfolgsfaktoren für echte Führungspersönlichkeiten sind klare Kommunikation, Selbststeuerung und Menschenkenntnis.

Anke Lüneburg zeigt in ihrem Buch, wie Selbstreflexions- und Kommunikationsfähigkeiten entwickelt und für eine erfolgreiche Führung eingesetzt werden können. Sie stellt die wichtigsten Zukunftskompetenzen und ihren Nutzen für unterschiedliche Führungspositionen vor, die anhand von Übungen u.a. aus dem Coaching umgesetzt werden können.

In Ihrem Blog schreiben Sie, dass Sie – als Ihre Schwerhörigkeit festgestellt wurde – über Ihre gesamte Lebenseinstellung nachgedacht haben. Welche Haltung haben Sie letztendlich für sich gefunden?

Zunächst einmal, dass eine gewisse Selbstfürsorge notwendig ist. Ich musste mir eingestehen, dass ich meinen Vollzeitjob als Geschäftsführerin so nicht mehr machen konnte. Durch meine halbe Stelle und meine selbstständigen Tätigkeiten kann ich mir meine Arbeitszeit jetzt frei einteilen und Pausen machen, wenn diese erforderlich sind.

Meine Coaching-Tätigkeit stresst mich überhaupt nicht, in Gruppen ist das Zuhören für mich hingegen sehr anstrengend. Bei meiner letzten Weiterbildung zur Mediatorin war ich am dritten Tag sehr erschöpft. Denn auch meine Ohren brauchen ab und zu eine Pause. Daher nehme ich abends meine Hörsysteme in der Regel heraus.

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Hat sich Ihr Privatleben seit Auftreten Ihrer Schwerhörigkeit verändert?

Generell treffen wir uns am liebsten nur noch mit zwei bis drei Freunden oder Familienmitgliedern, denn in einer kleinen Runde kann ich einer Unterhaltung deutlich besser folgen als in einer größeren Gruppe. Leider müssen wir viele Restaurants meiden, weil sie einfach zu laut sind und ich keine Chance habe etwas zu verstehen. Allerdings teste ich gerade ganz neue Hörsysteme. Ich habe mir als Zubehör ein kleines Mikrofon besorgt, das stellt man auf den Tisch oder kann es dem Gesprächspartner um den Hals hängen, so dass man ihn besser versteht.

Davon erhoffe ich mir, dass ich mein Gegenüber dann auch in einer geräuschvollen Umgebung besser hören kann. Glücklicherweise gibt es hier in Flensburg das eine oder andere Restaurant, das beispielsweise eine gedämmte Decke hat. Und in Hamburg gibt es ein „Hotel für alle“, das wirbt nicht damit, dass es barrierefrei ist, das wird dort einfach als Service angesehen. Da gehe ich gerne hin.

Was wünschen Sie sich von Ihren Mitmenschen?

Dass sie mich ansehen, wenn sie mit mir sprechen und auch, dass meine Schwerhörigkeit nicht einfach ignoriert wird. Das habe ich leider schon bei der ein oder anderen Weiterbildung erleben müssen. Außerdem musste ich auch schon feststellen, dass man als „doof“ abgestempelt wird, wenn man sagt, dass man schwerhörig ist. Aber Menschen mit einer Schwerhörigkeit sind nicht doof, sie hören nur schlecht. Daher wünsche ich mir, dass die Gesellschaft Schwerhörigkeit deutlich mehr anerkennt.

Und was können Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Die Fröhlichkeit nicht verlieren. Wir sind keine Opfer! Wichtig ist einfach, selbst zu akzeptieren, dass man eine Hörminderung hat und sie nicht zu verstecken. Nur wenn man offen mit der Schwerhörigkeit umgeht und andere darüber informiert, können die Mitmenschen auch drauf eingehen und die Schwerhörigkeit anerkennen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Zum einen wünsche ich mir, dass viel mehr über die Auswirkungen eines schlechten Gehörs kommuniziert wird – beispielsweise über den Zusammenhang zwischen einem schlechten Gehör und den Auswirkungen auf das Gehirn.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Krankenkassen mehr Leistungen übernehmen. Ich wünsche mir, dass sich alle Menschen Hörsysteme leisten können, mit denen mühelose Kommunikation, auch in der Gruppe, möglich ist.

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