Gehörlos an der Uni

Gehörlos an der Uni

Erfolgreich studieren trotz Schwerhörigkeit

Menschen, die unter Schwerhörigkeit leiden, müssen während ihres Studiums viel organisieren und benötigen einige Helfer, um erfolgreich zu sein.

Auf einen Blick

  • Erfolgreich studieren dank Gebärdendolmetscher und der Unterstützung von Kommilitonen.
  • Technische Hilfsmittel, die den Alltag von Studenten mit Schwerhörigkeit erleichtern.
  • Gallaudet Universität: Weltweit einzige Universität, an der man in Gebärdensprache studieren kann.

Für schwerhörige Kinder und Jugendliche stehen Kindergärten und Schulen zur Verfügung, die voll auf Menschen mit Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit ausgerichtet sind. Sie erlernen dort nicht nur die Gebärdensprache, speziell geschulte Pädagogen kümmern sich auch darum, dass sich jedes Kind individuell entwickeln kann und die passende Hilfe erhält.

Im Studium sieht das dann jedoch anders aus. Denn in Deutschland gibt es keine spezielle Universität oder Fachhochschule für Menschen mit Schwerhörigkeit. Allerdings erhalten Studenten mit Schwerhörigkeit in Deutschland Unterstützung durch Gebärdendolmetscher, zudem gibt es einige technische Hilfsmittel, die beim Studium helfen.

Wie können Menschen mit Schwerhörigkeit studieren?

 

„Wenn ich an der FH bin, fühle ich mich oft wie eine Fremde“, erzählt Olga Hertle, die unter „an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit“ leidet. Sie studiert Pädagogik der Kindheit und Familienbildung an der Fachhochschule Köln. Dort muss sie sich als Studentin mit Schwerhörigkeit in der Welt der Hörenden zurechtfinden. Und das ist nicht immer so einfach. Denn viele ihrer Kommilitonen haben keine Erfahrung mit Menschen, die unter einer Schwerhörigkeit leiden, und daher Berührungsängste, berichtet die Studentin.

 

Wenn Olga Hertle morgens an die FH kommt, trifft sie sich mit ihren Gebärdensprachdolmetschern, die ihr während der Vorlesungen zur Seite stehen. Während die Dolmetscher neben dem Pult der Dozenten Platz nehmen, sitzt die Studentin mit Schwerhörigkeit in der ersten Reihe im Hörsaal. Die Dolmetscher übersetzen alles Gesagte, dennoch ist es für Hertle enorm schwierig, gleichzeitig den Gebärden der Dolmetscher zu folgen, die Folien an der Wand zu lesen und sich Notizen zu machen. „Ich brauche meine Augen zum Zuhören, Lesen und Mitschreiben“, erzählt sie. Daher wird Olga noch zusätzlich von einer Kommilitonin unterstützt, die für sie als „Mitschreibekraft“ arbeitet und ihr am Ende der Vorlesungen ihre Notizen kopiert.

 

Bis der Studentin mit Schwerhörigkeit diese Helfer zur Verfügung standen, musste sie eine Menge organisieren. Etwa fünf Monate füllte sie Anträge aus, holte Bescheinigungen ein und musste sich auch um Dolmetscher und „Mitschreiber“ selbst kümmern. Das Gute: Die Kosten für die Dolmetscher werden über die sogenannte „Eingliederungshilfe“ übernommen. Dank dieser Unterstützung kommt die Studentin mit Schwerhörigkeit gut zurecht, sie hat bisher alle Prüfungen mit sehr guten Noten geschafft.

Informationen zu Gebärdensprach- und Schriftdolmetscher

Das könnte Sie auch interessieren

Die Schulzeit mit Hörgerät

In der Fortsetzung der Beitragsreihe „Mein Leben mit Hörgerät“ erzählt uns die 22-jährige Cindy, wie sie ihre Schulzeit aufgefasst hat. Sie beschreibt uns, ihre persönliche Sichtweise auf ihren ersten Schultag und wie es für ihre Eltern war.

Schaufensterpuppe lernt Gebärdensprache

Zwei Schüler haben im Rahmen von „Schüler experimentieren Hessen 2019“ einen Roboter entwickelt, der gesprochene Sprache in Gebärdensprache umwandeln kann. Der BVHI (Bundesverband der Hörgeräte-Industrie) hat diesen Projekt unterstützt.

Eingelesen statt reingehört

Michael Schwaninger musste früh auf sein Gehör verzichten. Wir haben mit ihm über seinen Lebensweg gesprochen – vom beginnenden Hörverlust bis zur akustischen Wiedergeburt.

Welche individuelle Unterstützung gibt es für Menschen mit Schwerhörigkeit?

 

Jana Kapralow studiert BWL an der SRH Hochschule Heidelberg und profitiert dort von einer individuellen Unterstützung für Menschen mit Schwerhörigkeit. Sie erhält während der Ausbildung und auch privat Betreuung durch Gebärdendolmetscher. Diese werden durch eine Kooperation der Hochschule und der SRH Beruflichen Rehabilitation bereitgestellt.

 

„Ich stehe morgens auf und gehe zur Hochschule. In meiner Vorlesung oder in meinem Seminar sitzt bereits ein Gebärdendolmetscher, der auf mich wartet. Er begleitet mich den ganzen Tag hindurch bis zum Abend. So kann ich sicher sein, dass keine wichtigen Informationen verloren gehen“, berichtet die BWL-Studentin. „Durch Arbeitsskripte, die ich von den Dozenten zur Verfügung gestellt bekomme, kann ich mir zudem den Lerninhalt noch einmal anschauen.“

 

Dank der Begleitung durch die Gebärdendolmetscher ist es ihr trotz Schwerhörigkeit möglich, sich aktiv am Studium zu beteiligen. Wie viele andere Studenten wohnt auch die Studentin mit Schwerhörigkeit auf dem Campus. „Die Wege sind kürzer und durch Hilfsmittel in der Wohnung, wie etwa eine Lichtsignalanlage, kann ich sicher sein, wichtige Termine nicht zu verpassen. Außerdem kann ich mir bei Bedarf einen Lichtwecker ausleihen“, ergänzt die BWL-Studentin mit Schwerhörigkeit.

 

Voll ins Campusleben integriert

 

Jana Kapralow ist sportlich sehr aktiv und nimmt auch sonst rege am Studentenleben teil. „Ich habe viel Kontakt zu anderen Studenten. Ich habe Freundschaften sowohl zu Hörenden als auch zu Gehörlosen geschlossen. Der Kontakt von Gehörlosen zu Hörenden durch das Studium und das Campusleben ist optimal gelöst“, erzählt sie.

 

„Der Gebärdendolmetscher steht mir auch hierbei zur Verfügung. Es gibt aber auch einen Arzt auf dem Campus, der eine gute Kommunikationskompetenz zu Gehörlosen hat. Für die Kommunikation mit dem Amt gibt es Case-Manager. Sie sind das Bindeglied zwischen mir als Studentin und dem Kostenträger, denn die Ausbildung wird unterstützt, bei mir beispielsweise vom Arbeitsamt.“

Welche technischen Hilfsmittel können Studenten nutzen?

Neben der menschlichen Unterstützung gibt es auch eine Reihe von technischen Geräten, die Menschen mit Schwerhörigkeit dabei helfen, sich besser während des Studiums zurechtzufinden:

  • Funkmikrofon (FM)-Übertragungsanlage (Mikroportanlagen)

Mit einer Funkmikrofon-Übertragungsanlage lässt sich das Gesprochene über eine spezielle Sendefrequenz übertragen. Dabei sind die Dozenten und Mitstudierende mit einem Sender ausgestattet, der Studierende mit Schwerhörigkeit hat einen Empfänger. In Verbindung mit dem eigenen Hörgerät oder dem Cochlea Implantat lassen sich störende Nebengeräusche so weitgehend überbrücken. FM-Anlagen oder andere drahtlose Übertragungssysteme sind im Hilfsmittelkatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen enthalten und können von der jeweiligen Krankenkassen erstattet werden.

Neben der bisherigen Technik der FM-Anlagen bieten mehrere Hörgeräteanbieter bereits modernere digitale Übertragungssysteme. Bei diesen müssen keine Kanäle und auch keine Frequenzen mehr eingestellt werden. Sie sind teilweise bluetooth-basiert oder nutzen eine drahtlose digitale Übertragung, die im 2,4 GHz-Band arbeitet.

  • Richtmikrofone

Konferenz-Richtmikrofone ermöglichen eine zielgerichtete Tonaufzeichnung. Die mögliche Distanz hängt vom verwendeten System und der Sendetechnologie ab und beträgt bis zu fünf Meter. Die Schallübertragung erfolgt direkt auf das Hörgerät.

  • Infrarotanlagen

Einige wenige Hochschulen haben Infrarotanlagen in ihren Hörsälen und Veranstaltungsräumen. Dabei wird neben einem stationären Sender ein Empfangsgerät benötigt, das die Signale mit Induktionsplättchen oder einer Induktionsschleife auf das Hörgerät oder das Cochlea Implantat überträgt.

  • Induktions- bzw. Ringschleifenanlagen

Selten werden in Hochschulen auch Induktionsanlagen eingesetzt, wie sie in Kirchen oder Versammlungshäusern häufig genutzt werden.

  • Stethoskope für Mediziner und Mediziner

Für Medizinstudenten mit Schwerhörigkeit gibt es spezielle Stethoskope mit Verstärker, die entweder wie andere Stethoskope über einen Hörbügel genutzt oder direkt an das Hörgerät angeschlossen werden.

Universität für Menschen mit Schwerhörigkeit

Die weltweit einzige Einrichtung, in der man in Gebärdensprache studieren kann, ist die Gallaudet Universität in Washington D.C. Sie ist gleichzeitig weltweit auch die älteste Volluniversität für Menschen mit einer Schwerhörigkeit. Auch wenn es an der Uni oftmals eher ruhig zugeht, findet ein reger Austausch unter den Studenten statt. Die Kommilitonen lachen und gestikulieren, flirten und debattieren – genauso wie an anderen Universitäten und Hochschulen auch. Allerdings tauschen sie sich in der Gebärdensprache aus.

Damit sich die Studierenden mit Menschen verständigen können, die der Gebärdensprache nicht mächtig sind, stehen Simultan-Übersetzer aus dem universitätseigenen Übersetzerteam zur Verfügung. Insgesamt sind an der Universität rund 1.800 Studenten eingeschrieben, davon kommen etwa sechs Prozent aus dem Ausland. Alle Studenten profitieren von den vielen modernen technischen Hilfsmitteln, die eingesetzt werden, um den Lehrstoff zu vermitteln.

Hörende und taube Kinder verarbeiten Informationen unterschiedlich. Wie Kinder mit einer Schwerhörigkeit lernen, können Sie hier nachlesen.

 

Diese Seite teilen:
Hörtest

Hörgeräte Beratung

Akustiker Suche

Videos