Hörspaziergang: Gemeinsam besser hören

Hörspaziergang: Gemeinsam besser hören

Hören an der frischen Luft trainieren

Um einer Hörentwöhnung als Folge ausbleibender persönlicher Treffen und vieler abgesagter Veranstaltungen zu Corona-Zeiten entgegenzuwirken, initiiert Isabellé Klemm Hörspaziergänge. Im Interview erzählt sie uns, was dahintersteckt.

Auf einen Blick

  • Durch fehlende Kommunikation verlernt man das Hören
  • Gehör beim Hörspaziergang trainieren
  • Corona-Beschränkungen erschweren Hörsituationen für Menschen, die schlecht hören

Isabellé Klemm arbeitet in der Schwerhörigen-Seelsorge der Evangelischen-Luth. Kirche in Nürnberg, die sich seit mehr als 50 Jahren dafür einsetzt, dass Menschen mit einer Hörminderung an der Gesellschaft und der Kirche teilhaben können. Als Sozialberaterin ist sie dort Ansprechpartnerin für Menschen mit Schwerhörigkeit, deren Familienmitglieder und andere Kontaktpersonen. Das kann Fragen zu Hörgeräte oder Alltagsfragen betreffen und geht bis hin zur psychosozialen Beratung in schwierigen Lebensphasen, die man aufgrund der Schwerhörigkeit durchläuft. Darüber hinaus hält sie Vorträge und Schulungen rund um das Thema Hörbehinderung.

IsablleKlemm

Frau Klemm, seit Monaten sind wir damit konfrontiert, unsere Kontakte auf ein Minimum zu beschränken. Vielerorts gilt die Maskenpflicht. Sie tragen selbst Hörgeräte und erfahren daher täglich selbst, welchen Einfluss dieser Umstand auf Menschen mit einer Hörminderung hat. Wie geht es Ihnen damit?

Allgemein lässt sich festhalten, dass es Menschen, die schlecht hören oftmals eh schon schwer fällt, in die alltägliche Kommunikation einzusteigen, weil schnell Missverständnisse entstehen können. Durch die Corona-Beschränkungen können sie jetzt schnell noch mehr an den sozialen Rand gedrängt werden. Denn viele Betroffene ziehen sich immer mehr zurück, weil die Hörsituationen so schwierig geworden sind, das trifft auch für Menschen zu, die Hörsysteme tragen. Das alles wirkt sich auf die Psyche aus, aber auch auf die Kognition. Das Wohlbefinden allgemein wird in Mitleidenschaft gezogen. Die Folge der geringen Kommunikation mit anderen Menschen ist dann eine sogenannte Hörentwöhnung.

Was kann ich mir darunter vorstellen?

Auch wenn man bereits Hörsysteme-Trägerin ist, verlernt man aufgrund der wenigen persönlichen Treffen, zum Beispiel in einem Kaffee, in einer solchen Umgebung, in der eine Vielzahl an Umgebungsgeräuschen vorherrschen, zu hören. Denn es fehlen die Reize, die es in diesen besonderen Hörsituationen gibt. Ich habe festgestellt, umso länger man in der Hörentwöhnung und der sozialen Isolation war, desto schwieriger ist es, wieder herauszukommen.

Nach dem ersten Lockdown haben wir oftmals die Rückmeldung bekommen – und ich selbst habe das auch festgestellt – dass Treffen sehr anstrengend geworden sind. Manch einer hat sich dann noch mehr zurückgezogen. Das ist sehr gefährlich. Denn je mehr diese Situationen gemieden werden, umso mehr verlernt man in schwierigen Situationen zu kommunizieren und man vereinsamt immer mehr.

Hören neu lernen

Die Unterscheidung von wichtigen und unwichtigen akustischen Signalen leisten bestimmte Bereiche des Gehirns. Diese Fähigkeit des selektiven Hörens geht mit zunehmenden Hörminderungen nach und nach verloren. Die mit Hörsystemen zurückgewonnene Hörwelt muss dann erst wieder erschlossen und erfasst werden, damit das Gehirn die Potenziale zur Entschlüsselung erneut aufbauen kann.

Das gilt auch für Menschen, die aufgrund bestimmter Umstände verschiedene Hörsituationen längere Zeit gemieden haben. Die Betroffenen müssen dann erst wieder lernen, die wichtigen von den unwichtigen akustischen Informationen zu unterscheiden und das Gehörte richtig zu deuten und gut zu verstehen.

Aus dieser Situation heraus sind Sie dann kreativ geworden und hatten die Idee des Hörspaziergangs. Was steckt dahinter?

Grundsätzlich ist die Idee, dass sich Menschen mit Hörhilfen wie Hörgeräten oder Cochlea Implantat treffen und gemeinsam spazieren gehen. Sie bekommen dann immer wieder spannende Aufgaben, die einer möglichen Hörentwöhnung entgegenwirken. Beispielsweise durch Übungen, die spielerisch die Hör- und Kommunikationstaktik verbessern. Gleichzeitig hält spazieren gehen fit und die Bewegung an der frischen Luft tut Körper und Geist gut.

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Immer öfter findet man auf beliebten Wanderrouten und Aussichtsplätzen sogenannte Sinnesbänke. Hier darf man die Aussicht genießen und der Natur zuhören.  Eine richtige Wohltat, aber nur, wenn man ein gutes Gehör hat und die unterschiedlichen Geräusche auch wahrnimmt.

Mit Hör-Spaß zurück in die Öffentlichkeit

Gesellschaft, Veranstaltungen, Ausgehen – damit verbundenen sind auch jedes Mal irritierende Nebengeräusche, vom Straßenlärm bis zur knisternden Popcorn-Tüte oder zum Geschirrgeklapper im Restaurant. Kein Problem für Hörgeräteträger: Hörgeräte können Hintergrundgeräusche unterdrücken.

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Wie läuft ein Hörspaziergang ab?

Wenn wir uns treffen, sind die ersten Minuten relativ ruhig. Offiziell haben wir da noch kein festes Programm. Inoffiziell ist das aber bereits die erste Hörübung. Das Ankommen, weil plötzlich alle wieder auf einmal zusammen sind und viel Bedarf besteht, sich auszutauschen. Deshalb achten wir auch darauf, dass wir Orte wählen, die nicht zu viele störende Hintergrundgeräusche haben. Gleichzeitig suchen wir immer Treffpunkte aus, an denen die Gruppe genügend Platz hat; so dass man auch abseits gehen kann, wenn man merkt, dass einen die vielen Gespräche gerade zu sehr stören.

Wie geht es dann weiter?

Wir starten die erste Etappe unseres Spaziergangs. Dabei entzerrt sich die Gruppe wieder etwas und es entstehen Hörpausen, die für alle zur Erholung dienen. Die erste Station beinhaltet in der Regel eine kleine Einführung in das jeweilige Thema. Beim letzten Hörsparziergang waren wir in einem Naturschutzgebiet unterwegs. Dort haben wir dann auch die Flora und Fauna ein bisschen näher kennengelernt.

Die nächste Station kann dann eine Hörübung sein, beispielsweise ein Hörmemory. Ich habe zum Beispiel Zutaten herausgesucht, die mit dem Naturschutzgebiet zu tun haben. Die habe ich in kleine Filmdöschen gepackt. Die teilnehmenden Personen mussten dann durch Schütteln der Döschen heraushören, welche beiden zusammengehören.

Wie lange dauert denn ein Hörspaziergang?

Das ist ganz verschieden und abhängig von den Teilnehmern. Wenn sie schon etwas älter sind, ist der Hörspaziergang meist etwas kürzer. Wenn ich fitte Personen dabei habe, die viel Elan mitbringen, ist der Spaziergang auch mal länger. Das ist alles sehr flexibel machbar durch Hinzufügen oder Weglassen von Stationen. Gleichzeitig können wir uns langsam auch wieder an geräuschvollere Situationen herantasten, indem wir die jeweilige Umgebung mit einbeziehen und uns beispielsweise eine Zeitlang in der Nähe eines Spielplatzes aufhalten.

Und wie ist die Resonanz der Teilnehmer?

Unsere Hörspaziergänge finden großen Anklang. Die Plätze sind immer sehr schnell ausgebucht. Aufgrund von Corona hatten wir bisher immer einer Beschränkung auf zehn Teilnehmende. Da der Hörspaziergang von seiner Struktur her so flexibel ist, kann ich mir sehr gut vorstellen, ihn künftig auch mit einer größeren Gruppe durchzuführen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch Frau Klemm.

Die Folgen einer unbehandelten Schwerhörigkeit betreffen fast alle Lebensbereiche. Gespräche werden anstrengend und zusehends vermieden, Besprechungen, Telefonate, Fernsehen werden zur täglichen Herausforderung. Das führt oft zu beruflichen Nachteilen und sozialer Isolation. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag „Häufige Folgen einer Schwerhörigkeit“.

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