Entstehung der Hörgeräte

Entstehung der Hörgeräte

Vom Hörrohr zu High-Tech

Vom Hörrohr über das tischgroße, an die Steckdose angeschlossene Hörgerät bis hin zu den Hightech-Wundern der heutigen Zeit: Hörgeräte haben eine spannende Entwicklungsgeschichte.

Auf einen Blick

  • Im 18. Jahrhundert nutzte man Hörtrompeten
  • Das erste Hörgerät stammt aus dem Jahr 1895
  • Ein 22-jähriger Student erfand für seinen besten Freund das erste elektronische Hörgerät
  • Erst seit den 60er Jahren gibt es Hörgeräte, die hinter die Ohren passen

Die Geschichte der Hörgeräte ist geprägt von Freundschaft und auch von Kriegen: So tauchten die ersten Hörhilfen im vom Dreißigjährigen Krieg zerrütteten 17. Jahrhundert auf. Damals entstand das sogenannte Hörrohr. Zunächst konnten nur vereinzelte Instrumentenbauer diese Hörunterstützung herstellen. Für damalige Verhältnisse das Nonplusultra der Hörtechnik – aber selbstverständlich halten diese Geräte dem Vergleich mit heutigen Hörsystemen nicht Stand.

Die ersten kommerziellen Hörhilfen

Im frühen 18. Jahrhundert erschloss dann Frederick C. Rein diesen noch neuen Markt und begann mit der kommerziellen Produktion von Hörhilfen, damals bekannt als Hörtrompete. Ein Jahrzehnt später wird das Prinzip der Knochenleitung zur Cochlea entdeckt.

Damals wurde die Knochenleitung per Holzstab nachempfunden. Trotzdem entwickelten sich Hörhilfen erstmal nicht weiter. Es blieb eine lange Zeit bei den Hörtrompeten. Erst 1895 verändert eine Erfindung dies grundlegend.

Freundschaftsdienst wird zur Hörrevolution

Der 22-jährige Student Reese Hutchison baute 1895 für seinen in Folge von Scharlach ertaubten Freund das erste elektronische Hörgerät. Das fertige Gerät wurde als Akouphone bekannt. Ein neues Kapitel in der Geschichte der Hörgeräte begann.

Allerdings war dieser Apparat noch recht unhandlich und musste auf einem Tisch abgestellt werden, was die Mobilität des Geräts stark einschränkte. Es verwendete einen Kohlenstoffsender, um ein schwaches elektrisches Signal in ein stärkeres Signal umzuwandeln.

In den USA verkaufte sich das Gerät nur schleppend. Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg ging Hutchison deshalb nach Europa. Dort waren zu jener Zeit viele Mitglieder der Königshäuser vererbungsbedingt schwerhörig oder taub.

Königin Alexandra von Dänemark war von der Erfindung sehr angetan und förderte die Vermarktung und Weiterentwicklung. Ihre durch vererbte Osteosklerose ausgelöste Taubheit konnte sie damit lindern. Deshalb lud sie Hutchison sogar zur Krönung ihres Mannes ein.

Sechs Jahre später, also im Jahr 1902, hatte er das Akouphone zu einem mobilen Gerät, dem sogenannte Acousticon, weiterentwickelt. Die Rechte an dieser Erfindung übertrug er dann drei Jahre später an Kelley Monroe Turner, der eine Lautstärkeregelung einbaute. Hutchison selbst schloss sich 1909 dem US-amerikanischer Erfinder und Pionier des Gleichstromsystems Thomas Edison an und wurde dessen Chefingenieur.

Ein Freundschaftsdienst von Siemens

Die Geschichte der Hörgeräte wurde im Jahr 1911 von der Firma Siemens weitergeschrieben. Der Name Siemens war zu diesem Zeitpunkt nicht unbekannt, wenn es um das Thema Schwerhörigkeit ging. Denn Firmengründer Werner von Siemens hatte bereits 1878 einen Telefonhörer mit verstärkter Akustik erfunden, mit dem auch Menschen mit Schwerhörigkeit telefonieren konnten. Wieder war Freundschaft einer der Auslöser für den nächsten Entwicklungsschritt der Hörgeräte.

Im Jahr 1911 fiel es Carl Kloenn, dem Direktor der Deutschen Bank, durch seine Schwerhörigkeit immer schwerer, Gesprächen bei Geschäftsterminen zu folgen. Deshalb wandte er sich mit dem Wunsch nach einem elektrischen Hörapparat an seinen Freund August Raps, damals Leiter des Wernerwerks der Berliner Siemensstadt.

Raps beauftragt daraufhin seinen Assistenten Louis Weber mit der Entwicklung. Diesem war es besonders wichtig, ein möglichst kleines Gerät zu schaffen, das sich von dem bereits auf dem Markt erhältlichen Acousticon unterscheidet. Die ersten Prototypen seines „Schwerhörigenapparates“ funktionierten nicht.

Doch irgendwann gelang es ihm, ein besonders empfindliches Körnermikrofon herzustellen, das er mit einem kleinen Hörer und einer drei-Volt-Batterie zusammenbaute. Doch Kloenne war damit nicht zufrieden. Fast schon verzweifelt unternahm Weber einen letzten Versuch und tauschte den Einzelhörer durch einen Doppelkopfhörer aus. Trotz eines offenbar komplett tauben Ohres konnte der Direktor damit wieder hören. In den nächsten zwei Jahre war dieses Gerät mit dem Namen Esha-Phonophor den Werksangehörigen und ihren Familien vorbehalten.

Erst Ende 1913 kam es mit drei verschiedenen Verstärkervarianten auf den freien Markt. Ein besonders ausgereiftes Modell verlieh übrigens dem Nobelpreisträger Wilhelm Conrad Röntgen in seinem letzten Lebensjahr Gehör.

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Schiffsbauingenieuren gelingt der Durchbruch

Den nächsten Sprung in der Geschichte der Hörgeräte ist US-amerikanischen Schiffsbau-Ingenieuren zu verdanken. Diese erfanden 1920 das Vactuphone, das erste Vakuumröhrenhörgerät. Es nutzte die damalige Telefontechnik und wandelte Schallwellen in elektronische Signale um, um diese zu verstärken.

Für heutige Verhältnisse war das Gerät unhandlich und die benötigten Batterien äußerst teuer. Trotzdem überdauerte diese Technologie mit kleinen Verbesserungen die nächsten drei Jahrzehnte.

Das Hörgerät für die Tasche

Im Laufe des zweiten Weltkriegs entwickelte sich verschiedene Technologien stark weiter. Jedes Land wollte durch neue Erfindungen den Ausgang des Krieges entscheiden könnten. Eine der Entwicklungen aus dieser Zeit war der Transistor. Ein elektronisches Halbleiterbauelement, das das Steuern elektrischer Ströme möglich machte.

Dies war ein wichtiger Fortschritt, da es die Verkleinerung der bisherigen Technik ermöglichte. So konnten Hörgeräte entstehen, die nur noch die Größe einer Zigarettenschachtel hatten.

Geschichte der Hörgeräte in den 60er Jahren

In den 60er Jahren entstanden die ersten Hörgeräte, die die Patienten hinter dem Ohr tragen konnten. Diese hatten noch sehr große Batterien, die auch meist nur einen Tag hielten. Aber sie waren den heutigen Geräten gar nicht mehr unähnlich. Siemens brachte dann im Jahr 1966 das Siretta 339 heraus, das allererste Im-OhrHörgerät.

Das erste Hörgerät, das in Gänze hinter dem Ohr Platz hatte, erschien schließlich 1989. 1996 kam dann die Geburtsstunde des modernen Hörgerätes. Die Firma Widex brachte Senso auf den Markt, das erste volldigitale Hörgerät. Siemens stellte 2004 das erste Binaurale Hörgerät vor. Diese beiden Hörgeräte kommunizierten per Funk miteinander und konnten so das natürliche Zusammenspiel der Ohren simulieren.

Die Digitalisierung beginnt

Mit der Erfindung des Mikroprozessors im Jahr 1970 und seinem Einsatz bei Hörgeräten ging die weitere Entwicklung schnell voran. Dieser ermöglichte es, die Hörgeräte nochmals zu verkleinern und sie vor allem noch leistungsfähiger zu machen. Das war die Ausgangslage für die digitalen Hörgeräte der 80er Jahre. Sie konnten bereits Umgebungsgeräusche interpretieren und sich der Hörsituation anpassen.

Gegenwart

Seit 2005 nutzen Hörgeräte die Bluetooth-Technologie und eröffnen so die Möglichkeit der Konnektivität. Nutzer können Hörgeräte nun mit dem Smartphone steuern. Über die Smartphone-Verbindung ist sogar eine simultane Übersetzung möglich. Hörgeräte können Lärm unterdrücken und Gespräche hervorheben, Nutzer können mit ihnen sogar telefonieren und Musik hören. Es war ein weiter Weg bis hierhin – und er ist noch lange nicht zu Ende.

Es wird immer noch an neuen Technologien, Heilmethoden und vielen weiteren Innovationen geforscht, die es den Menschen mit Schwerhörigkeit ermöglichen, besser zu hören. Während früher die Hörtrompeten noch auffällig und unhandlich waren, sind heutige Hörgeräte oft kaum noch sichtbar. Da fällt es einem schwer, sich vorzustellen, dass es einmal Zeiten gab, in denen es einer Steckdose und einer ganzen Tischplatte bedurfte, um ein Hörgerät zu nutzen.

Welche technischen Fortschritte in den kommenden Jahren das nächste Kapitel der spannenden Geschichte der Hörgeräte eröffnen werden, weiß heute noch keiner. Am besten ist es ohnehin, einer Schwerhörigkeit frühzeitig vorzubeugen.

Zum Glück hat sich in den vielen Jahren der Geschichte der Hörgeräte auch ein professioneller Hörtest entwickelt. Schützen Sie also Ihre Ohren und testen Sie regelmäßig Ihr Hörvermögen. Beispielsweise mit einem unserer Online-Hörtests oder beim Akustiker ihres Vertrauens. Denn je früher eine Schwerhörigkeit erkannt wird, desto besser funktioniert die Versorgung.

Lesen Sie hier über die neuesten Entwicklungen in der Hörgeräte-Technologie und erfahren Sie, wie der neue Bluetooth-Standard die Audio-Qualität verbessert.

 

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