Tinnitus-Apps im Test: Sinnvoll oder Unsinn?
Was Tinnitus-Apps können – und warum sie den Besuch bei Hör-Experten nicht ersetzen
Klingeln, Rauschen, Piepsen, mal lauter, mal leiser: Ohrgeräusche, verursacht durch Tinnitus, können unangenehm und lästig sein. Tinnitus-Apps versprechen Abhilfe, doch was taugen die digitalen Tools?
Plötzlich ist er da, der störende, schrille Ton im Ohr. Erst leiser, dann immer lauter und aufdringlicher. Viele Betroffene kennen diese Situation, in der sich ein Tinnitus in den Vordergrund drängt und die Lebensqualität von einem auf den anderen Moment einschränkt. Doch was tun?
Erfahren Sie, was es mit Tinnitus auf sich hat, wieso Sie bei Ohrgeräuschen und Tinnitus auf jeden Fall einen HNO-Arzt bzw. einen Hörakustiker aufsuchen sollten und wo wissenschaftlich entwickelte Tinnitus-Apps im Alltag unterstützen können.
Was ist Tinnitus?
Tinnitus kommt von „tinnere“, was im lateinischen so viel bedeutet wie „klingeln“. Die typischen Ohrgeräusche, die ohne äußere Schallquelle entstehen, können sich jedoch auch durch Pfeifen, Summen, Brummen, Rauschen, Klicken oder Klopfen äußern. Ein kurzes, einmaliges Ohrgeräusch ist meist unbedenklich. Hält es aber über mehrere Tage an, sollten Sie einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchen und untersuchen lassen, ob es sich um einen Tinnitus handelt oder ob das Ohrgeräusch eine andere Ursache hat.
Medizinisch gesehen ist Tinnitus keine Krankheit, sondern ein Symptom. Neben Lärmeinwirkung, Verletzungen, Krankheiten wie Morbus Menière, Hörsturz, Knalltraumata, Schädel-Hirn-Traumata, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hormonstörungen, Problemen in der Halswirbelsäule oder im Zahn-Kiefer-Trakt können auch Medikamente oder psychische Faktoren wie Stress oder emotionale Belastungen Tinnitus auslösen.
Oft sind Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlaf- und Konzentrationsproblemen oder auch Schwerhörigkeit Begleiterscheinungen von Tinnitus, in Deutschland sind davon jährlich bis zu zehn Millionen Menschen betroffen.
Digitale Unterstützung bei Tinnitus
Tinnitus-Apps sind digitale Anwendungen, die Betroffenen helfen sollen, besser mit Ohrgeräuschen umzugehen. Dafür bieten die Apps oft verschiedene Strategien an:
- Naturklänge, Rauschen oder gefilterte Musik stammen aus der Klang- und Noise-Therapie und sollen helfen, den Tinnitus zu überdecken („maskieren“) oder das Gehör umzuschulen.
- Entspannungs-, Achtsamkeits- und Schlafhilfen sollen Stress reduzieren und den Schlaf verbessern, um den Tinnitus zu lindern.
- Informations- und Beratungsbereiche stellen Informationen zu Tinnitus bereit und geben Tipps zum Umgang mit der Erkrankung.
Was können Tinnitus-Apps?
Studien und Reviews zeigen, dass Apps Tinnitus den Leidensdruck bei vielen Betroffenen reduzieren können. Vor allem dann, wenn sie auf wissenschaftlich fundierten Therapieansätzen beruhen. Dazu zählen Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie, strukturiertes Counseling sowie begleitende Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen.
Verbraucheruntersuchungen wie die von Stiftung Warentest 2025 machen jedoch deutlich, dass die Qualität der Angebote stark variiert. Während einige Anwendungen auf nachvollziehbaren therapeutischen Konzepten basieren, beschränken sich andere auf einfache Klangangebote ohne belegte Wirksamkeit.
Woran erkennt man eine sinnvolle Tinnitus-App?
Seriöse Tinnitus-Apps lassen sich an mehreren Kriterien erkennen:
- Sie basieren auf wissenschaftlich anerkannten Therapieansätzen, etwa kognitiver Verhaltenstherapie oder strukturiertem Counseling.
- Die Wirksamkeit wurde idealerweise in klinischen Studien untersucht.
- Die Anwendung ist Teil eines langfristigen Konzepts und nicht auf schnelle Effekte ausgelegt.
- Datenschutz und Datensicherheit sind transparent.
Apps, die lediglich maskierende Klänge abspielen, können zwar subjektiv entlastend wirken, ersetzen jedoch kein therapeutisches Gesamtkonzept.
Krankenkassen übernehmen die Kosten bei ärztlicher Diagnose
Einige Tinnitus-Apps sind als sogenannte digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) zugelassen. Diese können bei entsprechender ärztlicher Diagnose von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Voraussetzung ist stets eine vorherige medizinische Abklärung, etwa durch einen HNO-Arzt.
Ob und welche digitalen Angebote im individuellen Fall sinnvoll sind, sollte immer gemeinsam mit medizinischen Fachpersonen besprochen werden.
Nicht jede App ist sinnvoll
Viele frei verfügbare Tinnitus-Apps sind nicht als medizinische Anwendungen konzipiert. Häufig fehlen neben belastbaren Studien zur Wirksamkeit auch strukturierte therapeutische Inhalte oder transparente Datenschutzregelungen.
Solche Angebote können unterstützend wirken, etwa durch Ablenkung oder Entspannung, sollten jedoch nicht als Therapie verstanden werden. Entscheidend ist, dass digitale Hilfen in ein medizinisch begleitetes Gesamtkonzept eingebettet sind.
Immer echte Hilfe suchen
Wenn Sie einen Tinnitus bei sich bemerken, sollten Sie sich stets menschliche Hilfe suchen und sich nicht auf digitale Apps verlassen.
- Suchen Sie unbedingt einen HNO-Arzt auf, wenn Tinnitus erstmals mehrfach auftritt oder sich Ihr bestehender Tinnitus verschlechtert oder verändert. Nur Ärzte können ernste Ursachen ausschließen und die richtige Therapie einleiten.
- Es kann hilfreich sein, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe finden Sie zum Beispiel bei der Deutschen Tinnitus-Liga.
- Wenn Sie Hörgeräte bei Tinnitus tragen, ist auch Ihr Hörakustiker eine mögliche Anlaufstelle. Er kann die Lage beurteilen, wenn möglich Einstellungen an Ihren Hörgeräten verändern und Sie gegebenenfalls auch an einen HNO-Arzt verweisen.
Wie können Hörgeräte bei Tinnitus helfen?
Ungefähr 80 Prozent der Tinnitus-Patienten ist zu einem gewissen Grad schwerhörig. Hörgeräte bei Tinnitus können helfen, besser mit den Geräuschen zu leben. Sie gleichen die Schwerhörigkeit aus, sodass wieder verstärkt Geräusche von außen ans Ohr gelangen. Dies kann helfen, den Tinnitus in den Hintergrund zu drängen.
Moderne Tinnitus-Hörgeräte können zum Beispiel einen integrierten Noiser besitzen, der „weißes Rauschen“ oder sanfte Klänge erzeugt. Diese sogenannte Tinnitus-Maskierung überlagert das störende Ohrgeräusch und lenkt das Gehirn ab.
Optimale Beratung für gutes Hören
Um Ihr Hörgerät optimal an ihre Schwerhörigkeit und ihren Tinnitus anzupassen, führen Hörakustiker Hörtests durch und passen Geräte individuell an, etwa die Noiser-Frequenz. Sie erklären Ihnen alle verfügbaren Optionen und begleiten Sie in der Eingewöhnungsphase sowie darüber hinaus. In Zusammenarbeit mit Ihrer HNO-Praxis finden die Experten für gutes Hören die beste Hörlösung für Sie.
Wenn Sie sich unsicher sind, ob Hörgeräte bei Tinnitus auch in Ihrem Fall sinnvoll ist, beraten Sie HNO-Ärzte und Hörakustiker gerne. Mit unserer Hörakustiker-Suche finden sie eine Niederlassung in Ihrer Nähe.
Mit Tinnitus leben lernen
Tinnitus ist nicht heilbar. Betroffene können jedoch lernen, besser mit den Ohrgeräuschen zu leben. Eine frühzeitige medizinische Abklärung ist dabei ebenso wichtig wie eine individuelle Beratung durch HNO-Ärzte und Hörakustiker. Tinnitus-Apps können, sofern sie wissenschaftlich fundiert sind, eine ergänzende Unterstützung im Alltag bieten. Sie ersetzen jedoch weder eine ärztliche Diagnostik noch eine persönliche Betreuung. Weitere Informationen rund um Tinnitus finden Sie hier: https://www.ihr-hoergeraet.de/hoeren/tinnitus/.
FAQ
Können Hörgeräte bei Tinnitus helfen?
Ja, Hörgeräte bei Tinnitus können helfen, indem sie eine bestehende Schwerhörigkeit ausgleichen und Umgebungsgeräusche wieder hörbar machen. Dadurch tritt der Tinnitus häufig in den Hintergrund und wird als weniger belastend empfunden.
Sind Tinnitus-Apps medizinisch wirksam?
Studien zeigen, dass wissenschaftlich fundierte Tinnitus-Apps die Beschwerden vieler Betroffener lindern können, insbesondere bei chronischem Tinnitus. Voraussetzung ist, dass die App strukturierte Therapieansätze und fundiertes Counseling bietet.
Welche Tinnitus-Apps werden von Krankenkassen bezahlt?
Als digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) zugelassene Tinnitus-Apps werden von gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Voraussetzung ist eine ärztliche Tinnitus-Diagnose durch einen HNO-Arzt.
Was ist eine Tinnitus-App und wie kann sie helfen?
Eine Tinnitus-App ist eine digitale Anwendung, die Betroffene dabei unterstützen kann, besser mit Ohrgeräuschen umzugehen, etwa durch Klangtherapie, Entspannungsübungen oder kognitive Verhaltenstherapie. Wichtig ist, dass die App wissenschaftlich fundiert ist. Sie kann den Leidensdruck reduzieren, ersetzt jedoch keine medizinische Abklärung.
Wann sollte man bei Tinnitus unbedingt einen Arzt aufsuchen?
Wenn Tinnitus erstmals wiederholt auftritt, sich verschlechtert oder verändert, ist ein Besuch beim HNO-Arzt zwingend erforderlich. Nur so lassen sich ernsthafte Ursachen ausschließen und geeignete Therapien einleiten.