Cochlea-Implantation, bimodale Versorgung?

Cochlea-Implantation, bimodale Versorgung?

Zwei Experten informieren und beraten Patienten individuell

Welche Hörversorgung ist die Richtige? Die Entscheidung für ein Cochlea-Implantat, oft eine einseitige, bimodale Versorgung in Kombination mit einem Hörgerät, ist nicht einfach. Dr. Jérôme Servais, Chefarzt der HNO & Leiter der Ohrenklinik am Heilig-Geist Hospital Bensheim und seine Teamkollegin informieren.  

Auf einen Blick

  • Vorberatung und Nachsorge – damit CI-Patienten genau wissen, was sie tun
  • Was bedeutet bimodale Versorgung in der Hörakustik?
  • Hörakustiker mit CI-Know-how: ein wichtiger Baustein für gutes Hören

„Ein Cochlea-Implantat ermöglicht Menschen trotz einer hochgradigen Hörstörung oder Ertaubung auf dem Ohr wieder zu Hören und Sprache zu Verstehen. Das ist wunderbar“, sagt Dr. Jérôme Servais, HNO Chefarzt & Leiter der Ohrenklinik am Heilig-Geist Hospital Bensheim.

Ihr-Hörgerät.de im Gespräch mit HNO-Koryphäe und CI-Experte Dr. Jérôme Servais und der Leiterin der Hörrehabilitation Jana Verheyen vom Heilig-Geist Hospital Bensheim zum Hören mit Cochlea-Implantat, einer bimodalen Versorgung und ihrem intensiven Beratungs-, Nachversorgungs- und Betreuungskonzept in Zusammenarbeit mit CI-versierten Hörakustikern.

Ihr-Hörgerät.de: Herr Dr. Servais, Ihr Konzept für Hörgeschädigte betrachtet und berät Patienten sehr umfassend. Was beinhaltet das?

Dr. Jérôme Servais: Mein Team und ich haben sehr viel Erfahrung. Diese wollen wir für unsere schwerhörenden Patienten vollständig und individuell – für jeden Einzelfall – nutzbar machen. Den Schritt zu einem CI sollten alle Patienten wohl informiert, umfassend beraten und mit einem bestmöglichen Reha- und Nachsorgekonzept gehen.

Für viele Patienten bringt eine bimodale Hörversorgung, also ein CI in einem Ohr und ein Hörgerät im besser hörenden Ohr, sehr gute Hörerfolge. Dabei muss aber auch die Abstimmung und Feinjustierung zwischen CI und Hörgerät sowie die spätere Nachbetreuung stimmen.

Hierbei spielen wohnortnahe Hörakustiker eine entscheidende Rolle. Damit meine Patienten verstehen, was ihnen das Hören mit CI bringt und zugleich auch konkret für sie bedeutet, führen wir Beratungsgespräche durch, die weit über die medizinischen Aspekte hinausgehen.

Diejenigen, die vom CI profitieren könnten, werden zum Beispiel von meiner Kollegin Jana Verheyen, Audiotherapeutin und Audio Coach beraten. Sie trägt selber beidseitig Cochlea-Implantate und kennt die Möglichkeiten und Grenzen, aber auch Sorgen zum Leben mit CI aus eigener Erfahrung.

Außerdem haben wir auch Patienten mit Ohren- und Hörproblemen, für die ein CI nicht die beste Lösung ist.

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Ihr-Hörgerät.de: Wie sieht bei Ihnen eine CI-Vorberatung aus?

Jana Verheyen: Ich führe mit den Hörgeschädigten in aller Ruhe ein ausführliches Vorgespräch über die Auswirkungen ihrer Schwerhörigkeit im Alltag, die realistischen Möglichkeiten und Grenzen für ein Hören mit CI und den nötigen Hörtrainingsaufwand. Ich weiß sehr genau, was diese Menschen empfinden, denn ich bin selbst CI-Trägerin und war früher sogar Patientin von Dr. Servais.

Außerdem arbeite ich schon lange als Audio Coach und berate Hörgeschädigte. Deshalb kann ich den potenziellen CI-Trägern genau erklären, wie das spätere Hören mit CI funktioniert und sie darin unterstützen, die akustischen Herausforderungen im Alltag anzugehen und Lösungen zu finden.

Ein wichtiger Faktor ist der Wille der Patienten, sich wirklich auf dieses Hörabenteuer einzulassen und den Weg aktiv mitzugestalten. Dazu gehören ein Hörtraining und das Engagement des Patienten, dafür einiges zu tun. Das zu erreichende Hörvermögen oder Sprachverstehen wird zwar mit CI besser, als es vor der OP war. Zugleich können zu den Erfolgsaussichten nur Prognosen abgegeben werden. Wichtig sind dabei auch Dauer und Ausmaß der Hörminderung. Es gilt: je eher die Schwerhörenden zu einem HNO-Arzt oder in ein HNO-Klinikum kommen, desto besser.

Es geht um eine möglichst frühzeitige Abklärung der Hörprobleme und eine medizinische und audiotherapeutische Beratung. Wir drängen niemanden – wir unterstützen bei der eigenständigen Entscheidungsfindung. Welcher Weg dann dabei herauskommt, ist für den Patienten zu diesem Zeitpunkt der für ihn der richtige. Und als Betroffene weiß ich natürlich, dass das keine einfachen Entscheidungen sind.

Ich unterstütze die CI-Kandidaten durch Aufklärung und viele Fragen zu ihrem Leben und ihren Wünschen, etwa: Wie gehen Sie damit um, wenn Sie in einer Gruppe akustisch nichts mehr mitkommen? Was genau machen Sie? Und welche Verbesserungen erhoffen Sie sich von einem CI?  Wieder alle in der Familie besser zu verstehen oder unbeschwerter Reisen, ist durchaus realistisch. Musikgenuss eher nicht. Ich will Ängste nehmen und zugleich die realistischen Möglichkeiten und Grenzen offen ansprechen – und nicht jeden von einem Implantat überzeugen.

Was bedeutet bimodale Versorgung?

Eine bimodale Versorgung steht in der Hörakustik für ein Cochlea-Implantat auf der einen Ohrseite in Kombination mit einem – idealerweise passenden – Hörgerät auf der anderen.

Insbesondere dann, wenn ein Ohr noch besser hört – also einen mit einem Hörgerät gut versorgbaren Hörverlust aufweist – ist eine bimodale Versorgung die ideale Lösung für ein bestmögliches Hörergebnis.

bimodale Versorgungen mit ansprechenden Gehäusefarben auf beiden Seiten
Beispiel einer bimodalen Versorgungen mit ansprechenden Gehäusefarben auf beiden Seiten für CI + Hörgerät

Da bei vielen hörgeschädigten Menschen zwar ein Hörverlust auf beiden Ohren, aber häufig in unterschiedlicher Ausprägung vorliegt, ist es nicht verwunderlich, dass weltweit ungefähr 80 Prozent aller CI-Träger eine bimodale Versorgung haben.

Dafür sprechen auch diese Vorteile:

  • Bessere Klangwahrnehmung durch gegenseitige Ergänzung beider Systeme
  • Weniger Höranstrengung und Müdigkeit
  • Behalten des natürlichen Gehörs auf einem Ohr – bei klarerem Sprachverstehen durch das CI-Ohr

Zielgerichtet und mit den besten Höreindrücke ist eine bimodale Versorgung, bei der die CI-Seite und das Hörgerät im Bereich der Geräteeinstellungen und Funktionen, der Klangverarbeitungsstrategie und den verwendeten Hörprogrammen aufeinander abgestimmt sind. Diese Einstellungen nimmt ein auf CI spezialisierter Hörakustiker vor. In unserer Akustiker-Suche finden Sie Experten in ihrer Nähe. Nutzen Sie auch den Filter ‚Cochlea-Implantate‘.

Die Einstellung kann auch bei älteren Implantaten neu angepasst werden. Das bedeutet, dass beide Seiten vergleichbar auf eine vorliegende Hörumgebung reagieren.

So wird für den Anwender ein bestmögliches Hörergebnis erreicht, da beide Ohren gemeinsam und einheitlich auf die ankommenden Höreindrücke reagieren. Hierbei spielen moderne Hörtechnologien eine wesentliche Rolle. Diese bieten zum Beispiel die Möglichkeit, beide Seiten per Bluetooth mit den unterschiedlichsten Geräten zu verbinden und so TV, Musik oder Hörbücher auf beide Ohren zu streamen sowie Telefonate beidseitig mit den Hörsystemen zu empfangen.

Ihr-Hörgerät.de: Oft haben Patienten bereits Hörgeräte, die aber – meist auf einem Ohr – nicht mehr ausreichend funktionieren. Dann kann ein CI auf einer Seite sinnvoll sein. Was ist bei einer solchen bimodalen Versorgung zu beachten?

Dr. Jérôme Servais: Hören verbindet Menschen, insbesondere über die Sprache. Eine zunehmende Schwerhörigkeit hat zur Folge, dass Betroffene nicht mehr alles verstehen und nachfragen müssen. Trotz Hörgeräten kann die Kommunikation so stark behindert sein, dass sich Menschen immer mehr zurückziehen und isolieren. Dieser Prozess soll verhindert werden, denn genau das kann zu anderen Krankheiten wie Demenz oder Depression führen. Ein Cochlea-Implantat oder andere Implantate können eine Lösung darstellen. Das durchbricht den Teufelskreis des Nichthörens.

Lesen Sie mehr über das erfolgreiche Konzept um Dr. Servais, eine direkte Reha-Nachsorge zur Aktivierung nach der Implantat-OP und die weiteren Hörschritte in Kooperation mit Akustikern im zweiten Teil unseres Interviews.

Erfahren Sie mehr zur Kostenübernahme bei Cochlea-Implantaten und zahlreiche weitere Informationen.

 

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